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Vorab: DEN afrikanischen Tanz gibt es gar nicht! Afrika ist ein unermesslich grosser und vielfältiger Kontinent. In Europa wäre ein Spanier zurecht empört, wenn man ihn mit einem Schweden verwechseln sollte. So liegen auch in Afrika Welten zwischen den einzelnen Ethnien.

Ausserdem ist der Tanz wie die Sprache in ständiger Wandlung begriffen, er entwickelt sich, bleibt nicht stehen. Neben überlieferten, heiligen Tänzen finden sich experimentelle Choreografien von Künstlern, die weit in der Welt herumgekommen sind, und die ihre Erfahrungen mit Ballett und verschiedenen Schulen des Modern Dance einfliessen lassen. Wiederum etwas ganz anderes sind die Modetänze, die in den Diskotheken entstehen und via Fernsehen verbreitet werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Mbalax in Senegal und Gambien, der eine poppige Version des traditionellen Sabar ist. Gestern imitierten die schicken Damen in den heissen Tanzschuppen noch den pissenden Hund, heute ist eher das stilisierte Motorradfahren angesagt.

Was jedoch für den ganzen Kontinent gilt: in Afrika ist der Tanz für alle da - für Männer und Frauen, für Alte und Junge!

Welche Rolle spielt der traditionelle Tanz in Afrika?
Tanz, Gesang und Rhythmus sind bei allen wichtigen Lebenssituationen wie Geburt und Tod, Initiation und Heirat, bei Krankheit oder Anrufung der Ahnen von tragender Bedeutung. Jedes Ritual und jedes Fest hat seine eigene, genau festgelegte Musik und einen untrennbar damit verbundenen Tanz, und dies ist von Volk zu Volk wiederum verschieden. Dieser Schatz an Überlieferungen auf dem ganzen Kontinent ist so riesig, kein Mensch könnte ihn jemals zusammentragen.

Wie bewegt man sich eigentlich?
Durch die Füsse ist stets der Kontakt mit der Erde vorhanden. Der Oberkörper ist eher nach vorne geneigt, die Knie sind nachgiebig und elastisch, die Haltung natürlich und ausgeglichen. Es wird zu eindringlichen, oft lange gleichbleibenden Rhythmen getanzt. Der ganze Körper empfängt die Schwingungen der Trommeln, die Füsse erhalten Energie von der Erde her. Eine Schrittfolge wird so lange wiederholt, bis der Trommler uns das Zeichen zum Wechsel gibt. Wir können fliessen wie Wasser, fliegen wie der Wind, flackern wie das Feuer, wir bewegen uns wie Tiere oder imitieren Arbeiten, die im Alltag verrichtet werden. Es gibt traditionelle, überlieferte Schritte, die ihre spezielle Symbolik haben, einiges kann man auch gar nicht erklären oder nachvollziehen, nur erleben und fühlen. Schwingende, harmonische Drehungen können sich mit explosiven Sprüngen abwechseln, raumfüllende, schweisstreibende Schritte folgen auf kleine, isolierte Bewegungen.

Warum sollen Weisse solche Tänze lernen?
Ist es nicht eine Verspottung der afrikanischen Kultur, wenn wir Weisse in unseren Gymnastikanzügen in sterilen Trainingshallen so tun, als wären wir Schwarze?
Nein!
Niemals habe ich eine solche Bemerkung von der afrikanischen Bevölkerung gehört. Vielmehr spüre ich überall den berechtigten Stolz der Menschen auf ihre Kultur. Sie freuen sich, wenn sich jemand ernsthaft damit auseinandersetzt und erahnt, wieviel Tradition und Spiritualität dahintersteckt. Diese Menschen wissen, dass durch die Jahrhunderte ihre Rhythmen und Tänze perfektioniert worden sind, die Weisheit von Generationen eingeflossen ist.

Es ist mir wichtig, hier festzuhalten, wie ich meine Funktion in diesem Zusammenhang einschätze. Ich sehe mich nicht als Expertin für afrikanischen Tanz und nicht als Botschafterin dieser Kultur. Die spirituelle Seite des Tanzens lasse ich gänzlich ausser Acht. Ich möchte Neugierig machen, einen ersten Eindruck vermitteln, Freude an Bewegung und Rhythmus wecken, Energie weitergeben! Ich finde, das ist bereits ein gutes Ziel.

Tagebucheintrag vom 12. April 2000, Djembéring, Senegal, Casamance)
Schon den ganzen Tag höre ich die Trommeln durch das Dorf rufen, aber ich muss bis am Abend warten. Djafou und Messing, zwei Schwestern meines Mannes nehmen mich mit. Keine von beiden spricht französisch, aber das Wesentliche verstehen wir auch so. Das war ja gestern abend auch kein Problem. Ich hatte auf dem Markt in Zuiguinchor einen wunderschönen Batikstoff gekauft - leider war er noch voller Fäden. Zu dritt haben wir die halbe Nacht lang zum Schein einer Petrol-Funzel an dem guten Stück herumgefummelt. Ich war mit der Zeit so vertraut mit dem Klang des geschwisterlichen Geplauders, dass ich sogar mitlachen musste, ohne ein Wort zu verstehen natürlich.

Und jetzt sind wir also unterwegs, sozusagen in den Ausgang. Meine Schwägerinnen haben ihre leuchtendsten Boubous angezogen und sich mit einer Menge goldfarbenem Schmuck behangen. Daneben sehe ich recht unscheinbar aus, aber ich falle ja auch so schon genug auf. Wie immer bricht die Nacht unvermittelt herein. Die Dämmerung dauert keine 10 Minuten, schon ist es stockdunkel im Dorf. Der sandige Weg zwischen den Hütten lässt sich nur erahnen. Entgegenkommende machen sich von weitem bemerkbar und nennen ihre Namen. Die Leute hier kommen gut ohne Elektrizität aus.

Auch mit Plastiksandalen macht Tanzen Spass

 
Wir nähern uns, die Trommeln werden lauter, Djafou wird ganz kribbelig. Die Aufregung der Menschen liegt fast greifbar in der Luft. Jetzt kann ich noch ein weiteres Instrument hören... Ein Saxophon, kann das sein? Ja, ich höre es deutlich!
Jetzt sehe ich den Festplatz. Eine riesige Menschenmenge hat am Fusse des grossen Kapok-Baumes einen grossen Kreis gebildet. Immer wieder lösen sich Frauen oder Männer daraus und nähern sich durch das Zentrum den Musikern. Dort legen sie los mit ihrem Tanz. Ihr Solo wird von den umstehenden Frauen mit dem Geklapper ihrer Schlaghölzer angefeuert. Während die Tänzer/innen an ihren Platz zurückrennen, beruhigt sich die Musik wieder. Bei uns hätten die Trommler Mühe, Freiwillige zu finden, die sich im Kreis exponieren. Hier aber wollen alle zeigen, was sie können, es ist wie ein Wettstreit.

Oft formieren sich ganze Frauengruppen. Mit einem würdevollen Tanzschritt überqueren sie langsam die ganze Fläche. Auch hier geht es ums "Sehen und gesehen Werden". Die Frauen setzen ihr Foulard, dass sie sonst auf dem Kopf tragen, als Mittel ein, um andere Frauen zum Tanzen zu bringen. Sie werfen es ihr zu und holen sie somit in den Kreis hinein. Natürlich macht es ihnen besonders Spass, die weisse Frau tanzen zu sehen. Viele wissen, wer ich bin, ich aber weiss schon gar nicht mehr, welche Frau mir welches Tuch zugeworfen hat. Ausserdem gibt es eine Art Ehrbezeigung zwischen Frauen. Sie breiten ihre Foulards auf dem Boden aus und fordern die ausgewählten Frauen auf, darüber zu tanzen. Nach zwei Stunden kann ich nicht mehr. Zum Glück gelte ich, die immerhin 30jährige, verheiratete Frau, hier als Respektsperson. Also fordere ich einen jungen Burschen auf, mir den Weg nach Hause zu zeigen - auf Djafou und Messing könnte ich nämlich noch lange warten. Die haben es nicht eilig, zu ihren Männern und den insgesamt 15 Kindern zurückzukehren...
Noch ein Tuch, über das ich tanzen soll
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